Entschleunigung benötigt? Das Thema Achtsamkeit ist in aller Munde und hat mich im letzten Jahr besonders beschäftigt ...

Achtsamkeit + Entschleunigung

Das Thema Achtsamkeit ist in aller Munde und hat mich im letzten Jahr besonders beschäftigt … Um gesund und erfolgreich zu sein, gehört mittlerweile auch eine ordentliche Portion Entschleunigung zum Alltag eines aufgeklärten Durchschnittsbürgers. Endlich ist die Lösung gefunden für (fast) alle Volkskrankheiten. Stress? Überforderung im Alltag? Kein Thema mehr mit der neuen/alten Lehre von der Achtsamkeit. Themen, die vor Kurzem zu Zeiten meiner Pubertät *hüstel* nur als Eso-Kram verschrien wurden, sind jetzt in der breiten Masse und im Top-Management angekommen.

Yoga- und Meditationsseminare, Mindfulness for Business, ein bisschen Chakra-Tee in der Meetingpause, es klingt so einfach, es klingt so schön. Das muss man einfach gut finden und mitmachen.

Ich habe im letzten Jahr einige Dinge ausprobiert, die wunderbar in diesen Wunsch nach einem langsameren Leben passen. Selbstständig zu sein und eine tolle Geschäftspartnerin zu haben, hat ganz schön gute Seiten: So war ich 2 Monate einfach mal weg von zu Hause, habe von woanders gearbeitet. 2 Tage die Woche habe ich aus dem „mobilen Office“ weiter unsere Kunden betreut, den Rest der Zeit konnte ich meinen Projekten und Experimenten widmen. Ohne Stress. (Fast) ohne Zeitdruck. In dieser Zeit habe ich das Emaillieren wiederentdeckt, die Basics des Goldschmiedens erlernt (Sägen und Feilen hat etwas unglaublich Meditatives), habe jeden Morgen mein Beeren-Frühstück im Garten selbstgepflückt und angefangen kleine Inspirationsgrafiken aus allen möglichen Dingen zu legen, die mir auf meinen Spaziergängen durch Garten, Feld und Wald begegnet sind. Einmal habe ich eine halbe Stunden lang Dornen von einer Rose gesammelt und unzählige Arrangements daraus gelegt. Einmal habe ich zwei Schnecken bei einem persönlichen Treffen begleitet. Das war Tiefenentspannung.

Dann waren die zwei Monate um: Der „normale“ Alltag hatte mich wieder. Kundentermine, Deadlines, Netzwerkveranstaltungen, Akquise … Und zusätzlich die Zeiten für meine kleinen „Achtsamkeitsübungen“ nebenher, denn einige meiner Angewohnheiten aus den zwei Monaten wollte ich schließlich auch weiterhin pflegen. Das Ergebnis: Stress pur. Also musste ich schweren Herzens ein paar meiner lieben neuen Projekte und Rituale vertagen. Auf später. Irgendwann, wenn ich mal mehr Zeit habe.

Und ich vermute einfach mal, dass da auch irgendwo der Knackpunkt ist: Vor Kurzem bin ich auf einem Artikel gelandet, in dem über den perfekt optimierten Tagesablauf zu lesen war. Produktivität gesteigert, das eigene Selbst in Bestform. Der Trick in Kurzform: Knapp eine Stunde arbeiten und 17 Minuten entschleunigen (also Yoga, Meditation, Katzenvideos anschauen, mit den Kollegen quatschen etc.), immer im Wechsel ergeben den perfekten und produktivsten Arbeitstag. Dazu gehört dann noch ein Stündchen Frühsport am Morgen und ein Stündchen netzwerken am Abend. Nach ein bisschen Freizeit darf man dann aber auch schon um 22 Uhr ins Bett. Ich habe darüber nachgedacht, wie man wohl Kinder in dieses Schaubild integrieren sollte und habe mich spontan extrem gestresst gefühlt. Obwohl doch schon Yoga, Meditation und achtsame Listen mit „heute habe ich mich als Gewinner gefühlt“ im perfekten Tag vorgesehen sind.

Je länger ich darüber nachdenke: Irgendwie gruselt es mich, wenn diese zwei Konzepte so miteinander kombiniert werden, also Entschleunigung dazu dienen soll, möglichst produktiv zu sein, oder sobald ich Meditation als Selbstoptimierung einsetzen muss, um in einer immer komplexeren Arbeitswelt nicht völlig überfordert zu werden. Ist das nicht irgendwie zu kurz gedacht?

Und eines ist mir wirklich ganz klar geworden nach meinen Erfahrungen im letzten Jahr. Der Tag hat eben nur eine bestimmte Anzahl an Stunden. Wie viel ich da hineinpacke und was, ist mehr oder weniger meine Entscheidung. Das hat eben doch etwas mit Prioritäten zu tun. Und vielleicht geht es nicht darum, möglichst wertfrei achtsam zu sein, während man hunderte Sachen am Tag macht, und den ganzen Stress dann mit Meditation aufzufangen. Sondern einfach mal zufrieden und glücklich mit ein paar wenigen zu sein, nämlich denen, die einem eben am Herzen liegen. Dann ist man auch automatisch achtsam. Wenn auch nicht wertfrei.

Und natürlich sind in dieser Zeit einige 111-Dinge-Listen zur Entschleunigung und für ein achtsameres Leben entstanden. Das Schneckentreffen war einfach zu beeindruckend 🙂

  1. Schöner Beitrag !

    Achtsamkeit ist wirklich eines der besten Mittel um mit stress umgehen zu können und sich

    besser auf die eine Aufgabe, die jetzt gerade vor einem liegt, konzentrieren zu können.

    Es stimmt schon: Man kann sich die Frage stellen ob man Achtsamkeit nur als Tool zur
    Selbstoptimierung sehen sollte.

    Jedoch ist es völlig in Ordnung Achtsamkeit als Werkzeug zu benutzen, bis man irgendwann vielleicht realisiert, dass es noch um mehr geht.

    Viele Grüße

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